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06|2002
DB-mobil

Die Schiene übers Wattenmeer

Vor 75 Jahren wurde der Hindenburgdamm eröffnet - und Sylt war keine Insel mehr.
Der Schienenstrang durchs Wattenmeer hat kräftig dazu beigetragen, dass die größte Nordseeinsel heute als exklusive Adresse gilt.

Fährt gewöhnlich ICE,
im Sommer aber am liebsten den SyltShuttle:
Lockführer Jan Hansen






Bild: Olaf Krohn.
Lockführer Jan Hansen


Jan Hansen verlässt sich auf seiner Seefahrt weder auf den Kompass noch auf den Lotsen, doch er hält eisern westlichen Kurs. Die Nordsee flimmert wie ein nasser Spiegel im fahlen Sonnenlicht. "Das ist einfach einmalig", schwärmt der große Blonde am Steuer. "Hochwasser, die Gleise verschwimmen in Lichtspiegelungen. Manchmal sehe ich sogar Robben." Eine kurze Traumreise, für die Lokführer Hansen sogar noch bezahlt wird.
Normalerweise steuert der 30-Jährige den ICE von Hamburg nach Frankfurt/Main, aber wenn im Frühjahr der erste Urlauberansturm Richtung Sylt einsetzt, lässt sich Hansen liebend gern nach Nordfriesland beordern, steigt auf eine betagte Diesellok um und chauffiert den "DB AutoZug SyltShuttle" von Niebüll über den Hindenburgdamm nach Westerland. "Liebespfad zum Inselglück" hat der legendäre Fernsehjournalist Werner Höfer den Schienenstrang durch das Wattenmeer einmal genannt.
552 Meter ist Hansens Zug lang. Auf 104 Achsen schleppt er 190 Autos, Motorräder und Wohnmobile samt erholungsbedürftiger Insassen in die Sommerfrische. Wenn sämtliche Signale auf Grün stehen, dauert die Überfahrt rund 40 Minuten. Zwei Drittel der über 39 Kilometer langen Strecke zwischen Niebüll und Westerland sind eingleisig, nur auf dem Hindenburgdamm selbst erlaubt ein zweites Gleis, das in den 70er-Jahren verlegt wurde, Zugbegegnungen bei Tempo 100.
Lehnshallig, Klanxbüll, Morsum oder Keitum kennen die meisten Sylt-Urlauber als Orte, wo sich die Vorfreude ein paar Minuten lang aufstaut. Stoisch bremst Hansen seinen Zug, rollt auf ein Kreuzungsgleis und wartet mit seinem "SyltShuttle", bis der Gegenverkehr vorbei ist. Wegen des Stop-and-Go zwischen Niebüll und Westeland nennt der Lokführer die Shuttle-Touren über den Hindenburgdamm "meine Rallye".
Genau 75 Jahre ist es her, dass der greise Reichspräsident Paul von Hindenburg den neuen Damm eröffnete. 1927, wenige Jahre vor dem Ende der Weimarer Republik, waren Urlauberkolonnen an diesem entlegenen Ende des Deutschen Reiches noch nicht in Sicht. Das kühne und teure Projekt, Deutschlands größte Nordseeinsel mit dem Festland zu verbinden, hatte keinen touristischen, sondern einen politischen Hintergrund.1920 stimmten die Insulaner nämlich für einen Verbleib in Deutschland, während sich die Bürger in Nordschleswig für Dänemark entschieden. Die Folge: Der Festhafen Hojer, wo die Fährschiffe nach Sylt ablegten, wurde quasi über Nacht Ausland. Mit der Konsequenz, dass Reisende auf dem Weg nach Sylt plötzlich Reisepass, Visum und viel Zeit benötigten.
Vier Jahre dauerte der Bau und verschlang 20 Millionen Reichsmark. Ein stolzer Betrag in Anbetracht des bescheidenen Verkehrsaufkommens der 20er-Jahre: Anfangs dampften täglich ganze 5 Züge durch das Wattenmeer. Heute sind an Spitzentagen allein bis zu 25 Autozüge pro Richtung, dazu zahlreiche Nahverkehrszüge, Güterzuge und außerdem vier InterCitys je Richtung.
Dass Sylt in den 60er-Jahren zur "Insel der Reichen und Schönen" wurde, verdankte sie vor allem dem Hindenburgdamm. Keine andere Nordseeinsel ist schließlich von Hamburg oder Berlin schneller zu erreichen. Im Nobelkurort Kampen richtete sich der Jetset häuslich ein - der allerdings wegen der Anreise mit der Bahn genau genommen ein "Trainset" ist.
In den letzten zehn Jahren hat Sylt Konkurrenz bekommen. Die Berliner entdeckten ihre historischen Sommerfrischen Rügen und Usedom wieder - beide übrigens auch mit eigenem Schienenanschluss [siehe auch BahnSpektrum Seiten 50/51] - und als "Promi-Insel" macht das nur zwei Flugstunden entfernte Mallorca dem nordfriesischem Areal Urlauber streitig.
Trotzdem hat sich die Zahl der beförderten Fahrzeuge auf dem Hindenburgdamm seit 1978 auf 450 000 pro Jahr mehr als verdoppelt. Die Bahn investiert Millionen, um den Service auf ihrem spektakulären Seeweg zu verbessern: Im vergangenen Jahr wurde die Fahrzeugflotte komplett erneuert, so dass der DB AutoZug SyltShuttle - wie er seit dem genannt wird - Autoinsassen durch mehr Fahrkultur und leichteres Einparken erfreut, und die Anwohner der Strecke durch weniger Lärm. In Niebüll haben die Bauarbeiten für ein neues Terminal begonnen und in naher Zukunft sollen die Fahrscheine durch Chip-Karten ersetzt werden, die das Einchecken so unkompliziert und schnell machen wie in einem Parkhaus. "Wir wollen unseren Kunden zeigen: Mit uns beginnt der Urlaub auf Sylt", sagt Peter Schumann, Verkaufsleiter von DB AutoZug in Westerland.
Schließlich vermittelt der 75 Jahre alte Hindenburgdamm bis auf den heutigen Tag ein einmaliges Naturschauspiel. Autofahrer erleben den Wechsel von Ebbe und Flut durch die Windschutzscheibe in doppelstöckigen Transportwagen. Das Wattenmeer wirkt dabei im Sommer eher beschaulich als bedrohlich, aber der Niebüller Lokführer Sönke Ingwersen kennt es auch anders: "Während der Winterstürme schlagen die Wellen gegen den Damm und die Gischt fliegt über das Gleis." Bei derart extremen Wetterlagen ist an Tempo 100 nicht mehr zu denken, erzählt Ingwersen: "Wenn wir gegen den Sturm fahren, brauchen wir zwei Loks, eine schafft dann nur rund 35 km/h." Ab Windstärke 8 müssen Autofahrer aus Sicherheitsgründen Fahrräder von den Dachgepäckträgern nehmen. Und bei Windstärke 12 wird der Betrieb komplett eingestellt.
In all den Jahren hat der Hindenburgdamm allen Stürmen wacker getrotzt. Einmal allerdings - 1976 - unterspülte eine Sturmflut das Bauwerk so stark , dass eines der beiden Gleise über hunderte Meter in der Luft hing. Bis zu 5000 Kubikmeter Strandgut - in der Fachsprache "Treibsel" genannt - muss die Bahn als Eigentümer dieser mit allen Wassern gewaschenen Immobilie Jahr für Jahr einsammeln und abtransportieren lassen.
"Sylt ist keine Insel mehr", titelten Deutschlands Zeitungen am 1. Juni 1927 zur Eröffnung des Hindenburgdamms. Aus heutiger Sicht war dabei gerade die Wahl des Schienenstrangs mit seinen Kapazitätsgrenzen anstatt einer Straße eine kluge Entscheidung: Er bewahrt das sensible Ökosystem der Insel vor übermäßigen Strapazen.

Text: Olaf Krohn
 

Quelle: "mobil", Herausgeber: Deutsche Bahn AG, Kommunikation, Dieter Hünerkoch [verantwortlich]


Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 09.12.2009
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