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Jan Hansen verlässt sich auf seiner Seefahrt weder auf den
Kompass noch auf den Lotsen, doch er hält eisern westlichen
Kurs. Die Nordsee flimmert wie ein nasser Spiegel im fahlen Sonnenlicht.
"Das ist einfach einmalig", schwärmt der große
Blonde am Steuer. "Hochwasser, die Gleise verschwimmen in Lichtspiegelungen.
Manchmal sehe ich sogar Robben." Eine kurze Traumreise, für
die Lokführer Hansen sogar noch bezahlt wird.
Normalerweise steuert der 30-Jährige den ICE von Hamburg nach
Frankfurt/Main, aber wenn im Frühjahr der erste Urlauberansturm
Richtung Sylt einsetzt, lässt sich Hansen liebend gern nach
Nordfriesland beordern, steigt auf eine betagte Diesellok um und
chauffiert den "DB AutoZug SyltShuttle" von Niebüll
über den Hindenburgdamm nach Westerland. "Liebespfad zum
Inselglück" hat der legendäre Fernsehjournalist Werner
Höfer den Schienenstrang durch das Wattenmeer einmal genannt.
552 Meter ist Hansens Zug lang. Auf 104 Achsen schleppt er 190 Autos,
Motorräder und Wohnmobile samt erholungsbedürftiger Insassen
in die Sommerfrische. Wenn sämtliche Signale auf Grün
stehen, dauert die Überfahrt rund 40 Minuten. Zwei Drittel
der über 39 Kilometer langen Strecke zwischen Niebüll
und Westerland sind eingleisig, nur auf dem Hindenburgdamm selbst
erlaubt ein zweites Gleis, das in den 70er-Jahren verlegt wurde,
Zugbegegnungen bei Tempo 100.
Lehnshallig, Klanxbüll, Morsum oder Keitum kennen die meisten
Sylt-Urlauber als Orte, wo sich die Vorfreude ein paar Minuten lang
aufstaut. Stoisch bremst Hansen seinen Zug, rollt auf ein Kreuzungsgleis
und wartet mit seinem "SyltShuttle", bis der Gegenverkehr
vorbei ist. Wegen des Stop-and-Go zwischen Niebüll und Westeland
nennt der Lokführer die Shuttle-Touren über den Hindenburgdamm
"meine Rallye".
Genau 75 Jahre ist es her, dass der greise Reichspräsident
Paul von Hindenburg den neuen Damm eröffnete. 1927, wenige
Jahre vor dem Ende der Weimarer Republik, waren Urlauberkolonnen
an diesem entlegenen Ende des Deutschen Reiches noch nicht in Sicht.
Das kühne und teure Projekt, Deutschlands größte
Nordseeinsel mit dem Festland zu verbinden, hatte keinen touristischen,
sondern einen politischen Hintergrund.1920 stimmten die Insulaner
nämlich für einen Verbleib in Deutschland, während
sich die Bürger in Nordschleswig für Dänemark entschieden.
Die Folge: Der Festhafen Hojer, wo die Fährschiffe nach Sylt
ablegten, wurde quasi über Nacht Ausland. Mit der Konsequenz,
dass Reisende auf dem Weg nach Sylt plötzlich Reisepass, Visum
und viel Zeit benötigten.
Vier Jahre dauerte der Bau und verschlang 20 Millionen Reichsmark.
Ein stolzer Betrag in Anbetracht des bescheidenen Verkehrsaufkommens
der 20er-Jahre: Anfangs dampften täglich ganze 5 Züge durch
das Wattenmeer. Heute sind an Spitzentagen allein bis zu 25 Autozüge
pro Richtung, dazu zahlreiche Nahverkehrszüge, Güterzuge
und außerdem vier InterCitys je Richtung.
Dass Sylt in den 60er-Jahren zur "Insel der Reichen und Schönen"
wurde, verdankte sie vor allem dem Hindenburgdamm. Keine andere Nordseeinsel
ist schließlich von Hamburg oder Berlin schneller zu erreichen.
Im Nobelkurort Kampen richtete sich der Jetset häuslich ein -
der allerdings wegen der Anreise mit der Bahn genau genommen ein "Trainset"
ist.
In den letzten zehn Jahren hat Sylt Konkurrenz bekommen. Die Berliner
entdeckten ihre historischen Sommerfrischen Rügen und Usedom
wieder - beide übrigens auch mit eigenem Schienenanschluss [siehe
auch BahnSpektrum Seiten 50/51] - und als "Promi-Insel"
macht das nur zwei Flugstunden entfernte Mallorca dem nordfriesischem
Areal Urlauber streitig.
Trotzdem hat sich die Zahl der beförderten Fahrzeuge auf dem
Hindenburgdamm seit 1978 auf 450 000 pro Jahr mehr als verdoppelt.
Die Bahn investiert Millionen, um den Service auf ihrem spektakulären
Seeweg zu verbessern: Im vergangenen Jahr wurde die Fahrzeugflotte
komplett erneuert, so dass der DB AutoZug SyltShuttle - wie er seit
dem genannt wird - Autoinsassen durch mehr Fahrkultur und leichteres
Einparken erfreut, und die Anwohner der Strecke durch weniger Lärm.
In Niebüll haben die Bauarbeiten für ein neues Terminal
begonnen und in naher Zukunft sollen die Fahrscheine durch Chip-Karten
ersetzt werden, die das Einchecken so unkompliziert und schnell machen
wie in einem Parkhaus. "Wir wollen unseren Kunden zeigen: Mit
uns beginnt der Urlaub auf Sylt", sagt Peter Schumann, Verkaufsleiter
von DB AutoZug in Westerland.
Schließlich vermittelt der 75 Jahre alte Hindenburgdamm bis
auf den heutigen Tag ein einmaliges Naturschauspiel. Autofahrer erleben
den Wechsel von Ebbe und Flut durch die Windschutzscheibe in doppelstöckigen
Transportwagen. Das Wattenmeer wirkt dabei im Sommer eher beschaulich
als bedrohlich, aber der Niebüller Lokführer Sönke
Ingwersen kennt es auch anders: "Während der Winterstürme
schlagen die Wellen gegen den Damm und die Gischt fliegt über
das Gleis." Bei derart extremen Wetterlagen ist an Tempo 100
nicht mehr zu denken, erzählt Ingwersen: "Wenn wir gegen
den Sturm fahren, brauchen wir zwei Loks, eine schafft dann nur rund
35 km/h." Ab Windstärke 8 müssen Autofahrer aus Sicherheitsgründen
Fahrräder von den Dachgepäckträgern nehmen. Und bei
Windstärke 12 wird der Betrieb komplett eingestellt.
In all den Jahren hat der Hindenburgdamm allen Stürmen wacker
getrotzt. Einmal allerdings - 1976 - unterspülte eine Sturmflut
das Bauwerk so stark , dass eines der beiden Gleise über hunderte
Meter in der Luft hing. Bis zu 5000 Kubikmeter Strandgut - in der
Fachsprache "Treibsel" genannt - muss die Bahn als Eigentümer
dieser mit allen Wassern gewaschenen Immobilie Jahr für Jahr
einsammeln und abtransportieren lassen.
"Sylt ist keine Insel mehr", titelten Deutschlands Zeitungen
am 1. Juni 1927 zur Eröffnung des Hindenburgdamms. Aus heutiger
Sicht war dabei gerade die Wahl des Schienenstrangs mit seinen Kapazitätsgrenzen
anstatt einer Straße eine kluge Entscheidung: Er bewahrt das
sensible Ökosystem der Insel vor übermäßigen
Strapazen.
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