September 1999
Nahverkehrs-praxis
SBG SüdbadenBus GmbH in Freiburg:
Elektronisches Ticketing als Teil umfassender Informatik
Ein Gespräch mit Ulrich Boll, Leiter Informatik, System-Integrator und Projektplanung der SBG SüdbadenBus GmbH, Freiburg, und Burkhard Lustig, Leiter Vertrieb & Projekte für Deutschland bei der dänischen Firma CTS-Scanpoint
Nahverkehrs-praxis:Herr Boll, Ihr Name ist seit 1978 verbunden mit den Bemühungen der SBG, eine EDV-Konfiguration (SystemBOLL) zu schaffen, die im Betrieb, in der Organisation und der Leitung für den Linienverkehr den durchgehenden Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung ermöglicht. Welches waren die Stufen dieser Entwicklung und wie ist das Ergebnis?
Boll: Von dem langen Weg möchte ich nur einige Stationen nennen: 1978 hatten wir in dem umfangreichen Netz der damaligen Bahnbusse der Deutschen Bundesbahn noch Dienstschichten bis zu 14 Stunden am Tag, darin aber bis zu insgesamt drei Stunden Pausenzeiten. Entsprechend ungünstig war die Auslastung der Fahrzeuge und der Fahrerzeit. Mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung (EDV) ist es uns seit 1981 zunächst mit selbst zusammengestellten und später mit privat gekauften Rechnern gelungen, schrittweise eine Optimierung bei den Dienstschichten und den Pausen zum Vorteil für die Fahrer und die Nutzung des Fahrzeugparks einzuführen. 1987 ermöglichte der Einsatz eines DB-Computers schon Einsparungen von mehr als einer Million DM pro Jahr.
Wir sind heute soweit, daß über den gesamten Weg des Fahrzeugeinsatzes und der dabei erzielten Einnahmen bis hin zur Statistik und zur Buchhaltung sämtliche Daten ausschließlich elektronisch verarbeitet werden. Ohne jegliche manuelle Zwischenarbeit stehen die Daten eines Arbeitstages am nächsten Tag bis 10Uhr komplett zu Verfügung.
Die von der SBG-Informatik gewonnenen Fachkenntnisse sowie die von ihr entwickelte Soft- und Hardware können übrigens alle OPNV-Betriebe nutzen, die dies wünschen. SBG-Partner im Bereich der EDV sind derzeit - außer zwanzig Partnern in Südbaden - Emden, Blekede, Winsen, Celle, Lüneburg, Soltau, Braunschweig, Salzgitter, Altmarkt, Stuttgart, Rastatt und Villingen-Schwenningen. Im Bereich der elektronischen Fahrscheindrucker (EFAD) sind es - neben den genannten Partnern in Südbaden - Emden, Blekede, Winsen, Lüne- burg, Celte, Stuttgart, Colmar und Mulhouse.
Nahverkehrs-praxis: Wann hat die SBG begonnen, das elektronische Ticketing in das umfassende Informatik-System einzufügen?
Boll: Damit haben wir als Vorreiter in Deutschland 1991 begonnen. Und zwar zunächst durch den Einsatz von elektronischen Fahrscheindruckern von der Firma CTS-Scanpoint als Voraussetzung für das schnelle Einschleusen genauer Zahlen in die EDV. Parallel dazu wurde die SBG-Magnetkarte für elektronisches Ticketing, das auch seinerzeit bereits von der Firma CTS-Scanpoint realisiert war, eingeführt, und zwar zunächst als Zeit- und Wertkarte . Ab 1996 wurde das bargeldlose Zahlen mit der ec-Karte ermöglicht.
Weitere Details würden den hier gegebenen Rahmen wohl sprengen.
Seit 1.Januar 1999 setzt SBG die kontaktlose Multi-Regio-Karte ein. Ein Fahrgast, der die Multi-Regio-Karte nutzen will, erteilt einmalig der SBG zusammen mit seiner ec-Karte eine Bank-Einzugsgenehmigung. Multi-Regio-Karte bedeutet berührungsloser Fahrausweis und gleichzeitig "Geldkarte". Die Geldkarte wird von der Sparkasse Freiburg Nördlicher Breisgau herausgegeben.
Nahverkehrs-praxis:Welche Vorteile bringt der SBG der bargeldlose Zahlungsverkehr und die Einführung der Regio-Karte?
Boll: Bei Barzahlung mußten wir im Extremfall bis zu 10% der Einnahmen für das Bargeldhandling aufwenden. Im bargeldlosen Zahlungsverkehr sinkt dieser Wert auf ca. 3 %. Die Lesezeit bei der Präsentation der kontaktlosen Multi-Regio-Karte beträgt nur ca. 0,3 Sekunden. Das fördert den schnellen Fahrgastfluß, ohne die Sorgfalt bei der Kontrolle negativ zu beeinflussen. Die kontaktlose Multi-Regio-Karte wurde besonders schnell von der Jugend angenommen. Derzeit sind es bei Schülern schon 15% und bei Erwachsenen 8%, mehr als bei der früheren Magnetkarte. Dabei ist zu bedenken, daß 54 % der Fahrgäste Zeitkarteninhaber sind, davon 81% SchüIer. 46 % der Fahrgäste nutzen Einzelfahrscheine.
Nahverkehrs-praxis: SBG-Omnibusse fahren grenzüberschreitend auch nach Frankreich und in die Schweiz. Welche Zahlungsmittel akzeptieren Sie dort?
Boll: Es kann in deutscher, frarizösischer oder schweizer Währung bezahlt werden.
Nahverkehrs-praxis: Wie haben Sie das Problem gelöst, innerhalb des großen Einzugsgebiets der SSG mit sicherlich vielen unterschiedlichen Tarifsystemen die enorme Datenfülle zu verarbeiten? Wurden Änderungen oder Anpassungen zwischen den gewachsenen Tarifsystemen vorgenommen?
Boll:Änderungen waren nicht erforderlich. Allerdings müssen wir u.a. durch die Einbindung fremder Verkehrsbetriebe mit eigenständigen Tarifsysternen eine außerordentliche Datenfülle verarbeiten zusam- men mit entsprechendem Datenaustausch zwischen den beteiligten Verkehrsbetrieben für das Clearing, den Banken, etc. Die SBG hat daher einen weiteren Schritt in die Zukunft machen wollen auch bei der Perfektionierung der Datenübertragung und hat daher zusammen mit der Verkehrsindustrie einen gänzlich neuen Weg erschlossen. Die SBG-Forderungen und Vorstellungen wurden im Angebot der Firma CTS- Scanpoint A/S in vollem Umfang erfüllt, so daß mit dieser Firma im März 1998 der derzeit laufende Anschlußvertrag abgeschlossen wurde.
Nahverkehrs-praxis: Weiche Neuerungen wird CTS-Scanpoint bei der SBG zum Einsatz bringen,. Herr Lustig?
Lustig: CTS-Scanpoint liefert innerhalb des laufenden Vertrages insgesamt 225 elektronische Fahrscheindrucker (EFAD) mit der Bezeichnung BA 1008 mit integrierten kontaktlosen Kartenlesern. Bargeld und die bisherigen Magnetkarten werden weiterhin akzeptiert. Dazu kommen Kontrollgeräte und die erforderliche Software. Mittlerweile sind 160 Busse mit EFAD BA 1008 im Einsatz zusammen mit 10.000 kontaktlosen Karten. Einschließlich der älteren EFAD BA 1002 - noch ohne kontaktlose Kartenleser -stehen im SBG-System und den Kooperationen ca. 1000 EFAD zur Verfügung. Das ist also innerhalb des bargeldlosen Zahlungsverkehrs der Schritt zum Fahrausweis, der kontaktlos gelesen werden kann. Herr Boll hat davon schon gesprochen. Ich möchte noch hinzufügen. - Es handelt sich dabei nicht mehr um einen sogenannten Feldversuch, sondern um ein System, das mit Erfolg tagtäglich im Einsatz ist. Bisher hat es keine Probleme beim Einsatz der kontaktlosen SBG-Multi-Regio-Karte gegeben.
Dazu kommt nun aber ein ganz entscheidender Fortschritt in der schnellen und sicheren Datenübertragung. In seiner neuen Version ist der CTS-Scanpoint EFAD an die Anforderungen der Mikrowellen- Funkdatenübertragung angepaßt. Der EFAD ist verbunden mit einem Bus-Funkmodul im Deckenbereich des Busses. Die relativ kleine Antenne zur Datenübertragung befindet sich links vorn auf dem Bus.
Dieses System der Funkdatenübertragung im ÖPNV wurde seit Mitte 1998 von CTS-Scanpoint A/S in Zusammenarbeit mit ELOMAC-Elektronik GmbH, SüdbadenBus GmbH und HighQ Computerlösungen GmbH entwickelt. Es ist bei der SBG mittlerweite gängige Tagespraxis und funktioniert folgendermaßen: Zum Ende seiner Schicht schließt der Fahrer den Fahrscheindrucker. Dies löst die Übergabe aller Daten an die Funkstation aus -von den Bargeldeinnahmen bis zu den Abbuchungen aus dem bargeldlosen Zahlungsverkehr. Bei der SBG und den beteiligten Verkehrsunternehmen im RVF Freiburg sind zunächst elf Funkstationen installiert. Kommt der Bus in die Nähe einer Funkstation, werden die Daten der abgerechneten Schicht ohne jegliches Zutun vom Fahrer an die Funkstation und damit auch später ins Zentralsystem übertragen. Bei der Funkübertragung mit 2.45 GHz kann der Ab- stand vom Bus bis zur Funkstation bis zu 300 m betragen. Aufgrund der großen Datenrate von 1 Mbit/sec dauert die Datenübertragung meist weniger als eine Sekunde.
Um eine hohe Datensicherheit zu gewährleisten, werden sowohl auf der Funkstrecke als auch in der Funkstation mehrere Plausibilitätsprüfungen durchgeführt. Erst wenn alle diese Prüfungen erfolgreich abgeschlossen sind, wird auf dem gleichen Weg zurück an den EFAD eine Bestätigung geschickt, so daß im EFAD der entsprechende Speicherbereich wieder frei gegeben werden kann. Ansonsten bleiben die Daten im EFAD erhalten und werden automatisch beim nächsten Funkkontakt nochmals übertragen. Insbesondere kann durch einen speziellen Befehl der Funkstation für einen ausgewählten EFAD eine Teil- oder Totalaustesung beantragt werden, so daß dieser EFAD seinen gesamten Speicherinhalt nochmals überträgt. Die Übertragung von z.B. 56 kB dauert ca. drei Sekunden. Die Organisation der an die EFAD zu übertragenden Tarifdateien, Sperrlisten, etc. wird über die Benutzeroberfläche des Furikstationsprogramms organisiert.
Das möge an dieser Stelle genug sein, um den Vorteil der Funkdatenübertragung gegenüber den bisherigen Übertragungssystemen mit Fahrer-Modulbetrieb oder Kabelverbindung erkennen zu können. Die Funkdatenübertragung bleibt dabei natürlich stets eingebunden in das gesammte Informatik-System der SBG.
Nahverkehrs-praxis: War es möglich, die neuen EFAD BA 1008 kompatibel zu dem bisherigen System zu halten?
Lustig: Ja, das ist so. Da alte und neue EFAD kompatibel sind, können die Magnetkartenleser nach und nach gegen kontaktlos arbeitende Leser ausgetauscht werden. Magnetkarten und kontaktiose Karten sind in der Übergangszeit parallel anwendbar. Natürlich bleibt weiterhin die Möglichkeit des Fahrausweisverkaufs gegen Bargeld erhalten.
Nahverkehrs-praxis: So stellt sich schließlich noch die Frage, welche Pläne die SBG hat, um die Vorteile ihrer effizienten Datenverarbeitung, des zeitgemäßen bar- geldlosen Zahlungsverkehrs und der unternehmens- und fahrgastfreundlichen Nutzung von kontaktlos lesbaren Fahrausweisen in einen weiteren Zugewinn von Fahrgästen umzusetzen?
Boll: Ich denke, es ist gut, wenn wir dabei nach dem bekannten Prinzip vorgehen: Eine Neuerung wird um so leichter akzeptiert, je deutlicher die damit verbundenen Vorteile für alle beteiligten Partner erkennbar sind. Das galt für die Akzeptanz des Angebots von CTS-Scanpoint und ihrer Entwicktungspartner durch die SBG bei den Innovationen, die wir vorher besprochen haben. Und es wird auch gelten zwischen Verkehrsbetrieb und Fahrgast.
Wir haben die Grundlage z.B. für die Einführung einer Kundenkarte, einer Art Kreditkarte, mit der sämtliche Fahrscheine von allen Mitgliedern einer Familie gekauft werden können, oder auch einer Firmenkarte als Marketinginstrument des Verkehrsbetriebes. Für Firmenangehörige unter unseren Fahrgästen und deren Unternehmen ergibt sich daraus aber zugleich eine Verminderung des bürokratischen Aufwandes bei der Abrechnung.
Der für Neuerungen besonders aufgeschlossenen Jugend möchten wir eine kontaktlose lesbare Fahrkarte anbieten, die unsichtbar in eine Armbanduhr integriert ist; denn eine Uhr trägt jeder Schüler und Student ohnehin stets mit sich. Damit entfallen Probleme durch Verlegen oder Vergessen der Fahrkarte, abgesehen von dem Effekt. Schau, ich gehe mit der Zeit!
Schließlich werden wir sämtliche Möglichkeiten zur muliltifunktionalen Nutzung der SBG-Karte auszuschöpfen versuchen, sobald die Zeit reif ist, beispielsweise im Bereich des Sports, kultureller Veranstaltungen, etc.
Welche Möglichkeiten sich im Rahmen des Internet, des Homebanking, etc. noch erschließen lassen, wird die Zukunft zeigen. Wir bereiten uns darauf vor.
Nahverkehrs-praxis: Herr Boll, Herr Lustig, ich danke Ihnen sehr für die Übersicht, die Sie uns über das SBG-Informatik-System und insbesondere über die Innovationen in der Datenverarbeitung in Verbindung mit zeitgemäßem Ticketing gegeben haben.
Für Fachleute in anderen Verkehrsbetrieben, die sich für Ihr System interessieren, mußten verständlicherweise aber noch viele Detailfragen offen bleiben. Daher nennen wir für weitere Informationen als Ansprechpartner der SBG Herrn Ulrich Boll (Telefon 07 61 / 3 68 03 60; e-mail: u.boll@ suedbadenbus.de) sowie bei der Firma CTS-Scanpoint Herrn Burkhard Lustig (Telefon 00 45 / 43 / 48 38 39; e-mail: burkhard.lustig@scanpoint.dk).
Das Interview führte Dipl.-Ing. Wilhelm Völkening.
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