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19. Februar 2000
Badische Zeitung

 

Auf eine Karte gesetzt

Die SüdbadenBus GmbH (SBG) hat mit bahnbrechenden Entwicklungen den öffentlichen Nahverkehr digitalisiert und revolutioniert - dank der Fragen eines grübelnden Busfahrers.

Solartechnik, Biotechnik und nun Informatik: Ein Die Region entwickelt sich immer stärker zu einem Technologiestandort im Herzen Europas. Die SüdbadenBus GmbH (SBG), eine Tochter der Deutschen Bahn AG, hat mit bahnbrechenden Entwicklungen den Deutschen ÖPNV-Innovationspreis nach Freiburg geholt. Die seit Mitte der 80er Jahre entwickelten Hightechinformatikprodukte sind inzwischen weltweit gefragt. Beim Weltkongress der Nahverkehrsunternehmen vor einigen Tagen in Bologna bekamen die Vertreter der SBG bestätigt: "Ihr seid Spitze".

 

Ende der 70er Jahre: Ulrich Boll ist Busfahrer. Bis zu 14 Stunden täglich verbringt der heute 54-Jährige in oder bei seinem Dienstgefährt. Und stellt sich dabei Fragen ähnlich denen, die die Menschheit seit Anbeginn beschäftigen: Woher komme ich, wohin fahre ich und warum stehe ich jeden Tag stundenlang auf einem Parkplatz, um die gesetzlichen Lenkzeitvorschriften einzuhalten?

 

Boll ist damals Busfahrer bei der Südbaden-Bus-Gesellschaft (SBG). Deren Geschäftsführer ist damals wie heute Gert Breidenstein. Doch inzwischen bewegen mehr als 1000 Fahrer die 600 Busse über die 5000 Kilometer des Liniennetzes in Südbaden. 13 500 Fahrten stehen im Fahrplan der SBG, der ein kaum tragbarer Wälzer wäre, wäre er nicht in viele regionale Teilpläne aufgeteilt. Übers Jahr legen die Fahrer zwischen Freiburg und Radolfzell, Rottweil und Waldshut 30 Millionen Kilometer zurück. Begleitet werden sie dabei von 40 Millionen Fahrgästen. 120 Millionen Mark im Jahr setzt die SBG mit ihren Dienstleistungen um. Das klingt nach viel, sind aber im Vergleich zu den annähernd 40 Milliarden Mark, die alljährlich im deutschen öffentlichen Nahverkehr bewegt werden, Peanuts. Klar, dass die SBG hier mitmischen will. Dass sie das kann, liegt an den Nöten von Ulrich Boll, die ihn plagten, wenn er hinter dem Steuer seines Busses über manch unnütze Pause, über nervende Wartezeiten zwischen zwei Einsätzen nachsann. Das hat aber auch mit Breidenstein zu tun, der schnell erkannt hat, dass "die Not die Mutter jeglicher Erfindung" ist. Ulrich Boll hat etwas erfunden. Er ist der Vater des "Electronic Ticketing" im Regionalverkehr. Bargeld- und berührungslos entrichtet der Fahrgast die Beförderungsgebühr, der abendliche Kassensturz erfolgt per Funk. Dafür heimste die SBG 1999 den Deutschen ÖPNV-Innovationspreis ein. Und schon folgen den bei der SBG entwickelten Elektronikkonzepten Nahverkehrsunternehmen in London, San Sebastian, Shanghai, Hongkong und Seoul.

 

Was ist "ElectronicTicketing"? Ulrich Boll nerven nicht nur die unsinnigen Zeitverluste der Fahrer im Dienstplan. Er hat aus der Praxis auch andere Beispiele vor Augen: Am ersten eines Monats drängen fünf vor acht Uhr 20 Berufspendler in den Bus und verlangen vom Fahrer eine Monatskarte. Ein Albtraum aus klimperndem Kleingeld und Verspätungen. Die Zauberworte, die die Fahrer daraus befreien, heißen "bargeld- und berührungslos", um den Betrieb möglichst reibungslos zu gestalten. - Alles auf eine Karte setzen, könnte die Philosophie von Gert Breidenstein dazu beschrieben werden. Seit kurzem ist dies Wirklichkeit im Regio Verkehrsverbund Freiburg, ab März stehen die Systeme SBG-weit zur Verfügung. Obwohl es technisch möglich wäre, die von den Nahverkehrsunternehmen benötigten Funktionen auch auf der EC- Karte unterzubringen, brauchen die Fahrgäste heute noch die SBG-Karten. Die Bankenbranche zögert noch, die Multitunktionskarte einzuführen. Bei bestimmten Funktionen, die nicht mit der Nahverkehrsabrechnung zusammenhängen, bestehen derzeit noch Sicherheitsbedenken.

 

Seit Dezember 98 müssen die Fahrgäste der SBG und ihrer Partnerfirmen im Raum Freiburg ihre Karte nicht einmal mehr aus dem Portemonnaie klauben, um den Kartenchip lesen zu lassen. Es reicht, das Geldmäppchen am Lesegerät vorbeizuführen. Der Fahrer muss nur noch fahren, die Fahrgäste besteigen den Bus zügig, der Fahrplan kann besser eingehalten werden. Etwa 50 000 Südbadener nutzen das Angebot des Electronic Ticketing, davon 7000 das der berührungslosen Karte. Die Tendenz weist nach oben. Bislang sind 225 Fahrzeuge mit dem System ausgerüstet.

 

Diese Technik ist der vorläufige - inzwischen preisgekrönte - Höhepunkt der Verbesserungswut von Boll. Ausgelöst hat sie der mäßig organisierte Nahverkehr der beginnenden 80er. 1983, als auch viele der heute großen Computerfirmen noch in Garagen passten, sitzt Ulrich Boll in einem Freiburger Keller, schließt einen Fernseher und ein Ton- band als Datenträger an einen selbstgebauten Computer an und beginnt zu spielen. "Beim Fahren hatte ich die besten Ideen", sagt Boll, der "von Haltestelle zu Haltestelle" programmierte. Abends verarbeitet er die tagsüber gewonnenen Erkenntnisse auf immer besseren Rechnern. 1986 nimmt Bolls Arbeitgeber seine Anregungen auf und spendiert einen Dienst-PC. Der amortisiert sich schnell. Schon im ersten Jahr. Weniger Fahrzeuge haben mehr Kilometer auf die Straße gebracht, 14 Stunden musste kein Fahrer mehr auf Schicht. 1987 meldet die Buchhaltung: eine Million gespart.

 

17 Jahre später ist aus diesen bescheidenen EDV-Anfängen die Abteilung SBG Informatik erwachsen, aus dem ehemaligen Busfahrer Boll deren Leiter. "Kutscher und lnformatiker sprechen ein und dieselbe Sprache", nennt Breidenstein ein Geheimnis für den Erfolg, denn bei der SBG ist der Anwender zugleich der Soft- und teilweise auch der Hardware-Entwickler. Da klingt ein hörbar erleichterter Schnaufer über den glücklichen Umstand mit, im eigenen Unternehmen einen Mitarbeiter wie Boll zu haben: Elektronische Datenverarbeitung ist nämlich für ein modernes Nahverkehrsunternehrnen schon lange ein Muss. "1000 Busse würde die SBG benötigen, wenn die Umlauf- und Dienstpläne noch im Kopf gemacht würden", sagt Breidenstein. Und Boll ergänzt: "Schon die sinnvolle Koordination von 600 Bussen bewältigt das menschliche Gehirn nicht mehr."

 

Inzwischen hat die SBG den Datenfluss weiter beschleunigt und dem Electronic Ticketing außer der bargeld- und berührungslosen Zahlung einen weiteren Baustein hinzugefügt. Bearbeiterfahrplan, Kursbuch, Umlaufbearbeitung, Dienstplan und Disposition sind wiederum venetzt mit den elektronischen Fahrscheindruckem in jedem SBG-Bus, mit dem Fahrgeldmanagement, der Statistik und der Buchhaltung. "Um zehn Uhr vormittags sehen wir auf den Pfennig genau, wie wir finanziell stehen, was wir am Vortag eingenommen haben", sagt Breidenstein. Ein lokales Funknetzwerk mit 15 Stationen in Südbaden, das die Freiburger Firma "highQ" mitentwickelt hat, sorgt dafür, dass die Daten aus den dafür ausgestatteten Bussen in die Zentralrechner eingespeist werden. Jeden Tag sind die SBG und ihre angeschlossenen Unternehmen über die Umsätze im Bilde. Abgerechnet wird über Nacht, auch mit den acht Landkreisen als den Trägern der Schülerverkehre und den Banken.

 

Ausgelastet ist die Informatikabteilung mit ihrem Know-how nicht nur im Einzugsgebiet der SBG. Als EDV-Dienstleisterin betreut sie Nahverkehrsverbünde und Stadtverkehre in ganz Deutschland - 15 insgesamt. Der elektronische Fahrscheindrucker mit dem SBG-Informatik-System ist so auch in Emden eingesetzt. Nachts jagen die Daten von Ostfriesland ins Badische, damit der ÖPNV im Norden jederzeit weiß, wie weit er vom "Konkurs" entfernt ist. Tradition ist die Zusammenarbeit mit elsässischen Nahverkehrsunternehmen in Mulhouse und Colmar, die ebenfalls stark an der Technik aus Freiburg interessiert sind.

 

Bislang hat der Hersteller des elektronischen Fahrscheindruckers, die Firma ScanPoint aus dem dänischen Bröndby, das "Electronic Ticketing" weltweit vermarktet. Für die SBG bleibt die Ehre, weltweit als Hightechentwicklerin und Referenzbetrieb Freiburg und Südbaden bekannt zu machen. Zuletzt Buenos Aires. Die Acht-Millionen-Metropole plant Ihr Nahverkehrssystem bargeldlos zu gestalten. Und das alles dank eines grübelnden Busfahrers aus dem Schwarzwald.


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